Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan übernimmt Änderungschneiderei

Der Traum vom Arbeiten

Yahya und Saher Erfani

Yahya und Saher Erfani

THEILHEIM/WÜRZBURG    Für Yahya (55 Jahre) und Saher Erfani (38 Jahre) ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Das Ehepaar, anerkannte Flüchtlinge aus Afghanistan, hat Arbeit gefunden. Genauer gesagt: Die Familie, dazu gehören hier in Würzburg noch Sohn Mohammad (19) und Zahra (14), hat sich selbstständig gemacht. Sie haben die Änderungsschneiderei von Vera Stenzel übernommen. Dort, in der Kaiserstraße 16, kann der Familienvater jetzt endlich wieder tun, was er früher, in seiner Heimat, auch getan hat: Seine Tage an der Nähmaschine verbingen und – so hofft er jedenfalls – bald wieder finanziell auf eigenen Füßen stehen.
Früher, das war vor 2011. Damals muste sich die Familie getrennt auf die Reise machen. 2011 flüchtete die Mutter mit den Kindern, 2012 kam der Vater nach. Endstation ihrer Flucht vor den traumatischen Erlebnissen in ihrer Heimat war für alle schließlich die Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Würzburg. Dort lernten sie Deutsch, von dort aus gingen die Kinder wieder in die Schule – und dort lernten sie Gisela Umbach aus Theilheim kennen. Nach drei Jahren dort zogen sie um in ihre jetzige Wohnung in der Stadt.
Durch die Weihnachtsaktion des SPD-Ortsvereins, „Weihnachten im Schuhkarton“ und über die damalige SPD-Stadträtin Homaira Mansury (die selbst afghanische Wurzeln hat), entstanden zwischen Umbach und den Erfanis erste Kontakte. Diese verfestigten sich mit der Zeit immer mehr. Tochter Zahra beispielsweise u.a. machte beim SPD-Ferienprogramm in Theilheim mit.
Früher hatte Yahya Erfani eine Schneiderei mit Angestellten und zwei Verkaufsstellen. Dort allerdings war er nicht Änderungsschneider, sondern designte und nähte er selbst Anzüge, Jacken und Mäntel. Das aber, sagt er selbst, geht hier in Deutschland nicht, wäre zu teuer. Aber die Änderungsschneiderei sei genau das Richtige. Aufgrund seiner 35-jährigen Erfahrung als Schneider fallen ihm die Änderungen leicht. „Und er arbeitet wirklich flott“, staunt Umbach.

Er arbeitet wirklich flott, Gisela Umbach, ehrenamtliche Helferin

Die frühere Inhaberin der Änderungsschneiderei hat sich vor der Übergabe selbst von Erfanis Eignung vergewissert. Einen Monat lang arbeitete er zur Probe in der Kaiserstraße – und hat mit seinem Geschick und Können voll und ganz überzeugt. Am ersten Januar 2016 ist der Laden jetzt in seine Hände übergangen. Eine neue Maschine speziell für Leder, eine Umkleidekabine sowie eine Ladentheke hat das Ehepaar neu angeschafft und eingebaut. Die meisten Kunden, erzählen die stolzen Ladenbesitzer, hätten keine Probleme mit ihnen. Negative Reaktionen erlebten sie selten. Aber noch reichen die Einnahmen nicht zum Überleben. Das aber, habe ihnen die frühere Besitzerin erzählt, sei normal. Am Jahresanfang sei das Geschäft meist eher träge. Erst nach Abschluss eines ganzen Jahres könne man sehen, ob es sich trägt.

Gisela Umbach hilft bei der Buchführung

Gisela Umbach hilft bei der Buchführung

Unterstützt werden die Gründer vom Jobcenter. Neben einem Gründungszuschuss (als Darlehen) erhalten die Erfanis derzeit noch einen monatlichen Zuschuss für den Lebensunterhalt. Damit das alles läuft, fällt jede Menge Büroarbeit an. Weil das für die Familie aus Afghanistan alleine kaum zu bewältigen wäre, hilft Umbach kräftig mit, sichtet Belege, erläutert Anfragen und Anforderungen, hilft beim Sortieren der Papiere, geht mit zu den Behörden. „Unser deutsches Steuer- und Buchhaltungssystem ist halt auch völlig neu für sie“, erklärt sie.
Möglich gemacht aber haben die Erfanis ihren Traum selbst, erzählt Umbach. Der Familienvater habe schon immer arbeiten wollen – und das, sobald er es durfte, auch getan. Als Lagermitarbeiter oder Regalauffüller bei der Firma Kupsch beispielsweise. Als sie bei Gesprächen drauf kamen, dass er eigentlich Schneider ist, hatte Umbach dem Paar geraten, selbst immer wieder nach entsprechenden Angeboten zu schauen. So waren sie auf die kleine Anzeige gestoßen: „Nachfolger für Änderungsschneiderei gesucht“.
Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass es eher Saher Erfani ist, die sich mit den Dingen auseinandersetzt, bei denen einigermaßen gute Deutschkenntnisse gefragt sind. Ihr, einige Jahre jünger als ihr Mann, fällt das Lernen wesentlich leichter. Ebenso wie den beiden Kindern. Der Sohn, Absolvent der Mönchbergschule, macht derzeit eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Galerie-Kaufhof und unterstützt seine Eltern, wo er kann. Auch er träumt von einem eigenen Geschäft, am liebsten in der Bekleidungsbranche. Auch die Tochter, derzeit in der Goetheschule, schlägt nicht aus der Art: Sie plant in Richtung Modedesign zu gehen.
Jetzt aber hoffen sie erst mal auf viele Kunden wie Ingrid Jäger aus Veitshöchheim. Bis jetzt, sagt sie, war sie immer zufrieden mit der Nähkunst von Yahya Erfani. Sie findet es gut, dass es „ihre“ Änderungsschneiderei weiterhin gibt. Dass diese jetzt sogar Leder bearbeitet können, ist ein weiterer Pluspunkt.

Traudl Baumeister

Kommentare sind geschlossen.