Inklusion in der DLRG Gerbrunn

Ein zuverlässiger und bereitwilliger Helfer

Alexander und Heike Marquardt

Alexander und Heike Marquardt

GERBRUNN   Alexander Marquardt (18 Jahre) hilft gerne. Der junge Mann ist sehr engagiert und bereit dazuzulernen, um gerüstet zu sein für die Aufgabe, die er sich gestellt hat: Er unterstützt in der DLRG Gerbrunn die Gruppe der „Helfer vor Ort“ (HvO). Jene ausgebildeten Ersthelfer also, die bei einer Alarmierung des Notrufes aus dem Ortsgebiet Gerbrunn von der Leitstelle des Rettungsdienstes ebenfalls angefunkt werden, um ehrenamtlich Erstversorgung zu leisten, bis der professionelle Rettungsdienst eintrifft.

„Das kann auch in Gerbrunn manchmal länger dauern. Je nachdem, woher die Sanitäter kommen“, erklärt Heike Marquardt, Alexanders Mutter. Es könne durchaus passieren, dass die Würzburger Teams alle unterwegs sind und der Rettungsdienst aus Ochsenfurt oder Giebelstadt nach Gerbrunn komme.

Heike Marquardt kennt sich aus. Schon seit 1982 ist sie ehrenamtlich als Rettungssanitäterin unterwegs. Zuerst in Hannover, später dann bei den Johannitern in Würzburg und seit Gründung der HvO 1998 bei der DLRG in ihrem Wohnort Gerbrunn auch dort.

Doch nicht nur das. Die 51-Jährige hat vor vielen Jahren auch die Ausbilderprüfung abgelegt. „Seit 1992“, erzählt sie, „bilde ich bei den Johannitern zweimal im Jahr zwei Monate lang Sanitätshelfer aus.“ Die Ausbildung für die Ehrenamtler findet – natürlich – abends und am Wochenende statt. Anders ginge es auch bei der Ausbilderin selbst gar nicht, schließlich hat sie ja auch noch ihren Beruf. Der, lasse ihr, glücklicherweise, sagt sie, die Möglichkeit für den hohen ehrenamtlichen Einsatz. Heike Marquardt ist Fachberaterin für Rehabilitation bei der Deutschen Rentenversicherung. Eigentlich, verrät sie, habe die Beamtenlaufbahn nicht gerade auf ihrer Berufswunschliste gestanden. Aber wegen eines Hüftschadens habe sie von ihrem Traumberuf Kinderkrankenschwester Abstand genommen und dem rationalem Vorschlag ihres Vaters vertraut. „Das hat sich für mich, für uns letztlich als großes Glück erwiesen.“

An einem ähnlichen Punkt ist gerade ihr Sohn. Er hat auch einen Traumberuf. Einen, der für ihn so so groß ist, dass er nicht wagt, ihn auszusprechen. Erst spricht man ihn direkt darauf an, nickt er – während sich in seinem Gesicht Glück und Trauer wechseln, die innere Zerrissenheit spiegeln.

Alexander Marquardt würde gerne als verantwortlicher Rettungssanitäter sein eigenes Team im eigenen Auto haben. „Das aber geht nicht.“ Da lässt seine Mutter keine Zweifel aufkommen. Sie hält gar nichts davon, „ein Getue zu machen.“ Falsche Rücksicht helfe niemandem weiter. „Ich lege großen Wert darauf, meinem Sohn klar zu zeigen, was geht und was nicht.“

Was ihrem Sohn einen dicken Strich durch den Berufswunsch macht, ist der Kopf. Alexander Marquardt hat seit seiner Geburt eine Lernbehinderung sowie ein vermindertes Reaktionsvermögen. Deshalb wird er wohl nie selbst Auto fahren können. Und auch die Prüfung zum Rettungssanitäter nicht schaffen. Lesen beispielsweise kann er zwar, tut sich aber sehr schwer damit.

„Er hat quasi die Erste Hilfe und den Rettungsdienst mit der Muttermilch aufgesogen“, Heike Marquardt

Gegen Ende der Schwangerschaft mit ihrem Wunschkind, berichtet die Mutter, gab es Komplikationen. Wegen einer frühzeitigen Plazenta-Ablösung war der Junge viele Stunden lang nicht richtig mit Sauerstoff versorgt. Eigentlich, wurde ihr später erzählt, hatten ihn die Ärzte schon aufgeben wollen. Aber Alexander hat sich als echter Kämpfer gezeigt, sein Herz schließlich doch selbst geschlagen, ohne Maschine.

Weil seine Mutter ähnlich großen Kampfgeist hat, lernte der Junge entgegen allen Prognosen nach einigen Operationen das Laufen. Vielleicht nicht so rund wie andere, aber er bewegt sich heute schnell und sicher – selbstständig und ohne Hilfsmittel.

In den mittlerweile 18 Jahren seines Lebens war er immer dabei, wenn seine Mutter ihr Ehrenamt als Ausbilderin ausübte. „Er hat quasi die Erste Hilfe und den Rettungsdienst mit der Muttermilch aufgesogen“, erzählt diese. Nicht nur das. Als vor zehn Jahren bei den Johannitern eine sogenannte Minigruppe für Kinder eröffnet wurde, war Alexander Marquardt selbstverständlich mit von der Partie. Auch bei der DLRG lernte er. „Er kann schwimmen, zwar nicht gut. Aber sehr gerne“, berichtet Heike Marquardt. Außerdem hilft er, wo er kann. Beispielsweise beim 24-Stunden-Schwimmen, das am nächsten Wochenende stattfindet, mit allerlei Hilfsdiensten und Botengängen. Außerdem begleitet er seine Mutter häufig, wird sie an einem der rund 120 Diensttage zu einem Einsatz gerufen.

Geht schon aus der Art des Notrufs hervor, dass es eventuell um Leben und Tod geht, bleibt er entweder zu Hause oder im Auto. Heike Marquardt ist nicht nur Rettungssanitäterin, sondern zusätzlich geschult in Trauma- und Stressbewältigung. „Das nutze ich natürlich auch um Alexander zu helfen, wenn ich da etwas merke.“

Mit seiner freundlichen, offenen Art und einer angenehmen Zurückhaltung, die ihn ebenfalls auszeichnet, ist Alexander ansonsten aber ein guter Begleiter. Einer, der zuverlässig und bereitwillig Hilfsdienste übernimmt.

Während er in seiner Schule am Heuchelhof derzeit die dreijährige Berufsorientierungsphase durchläuft, ist das nächste Ziel des jungen Mannes klar: die Prüfung zum Sanitätshelfer. Den Kurs hat er bereits mitgemacht, diesmal ganz offiziell. Nach einem weiteren Durchlauf, so der Plan, will er die Prüfung wagen. Und vielleicht, so hofft er, findet sich ja doch beruflich eine Möglichkeit, die Leidenschaft auszuleben, die er mit seiner Mutter teilt.

Denn Geld lässt sich mit dem Ehrenamt leider keines verdienen, weder als Sanitätshelfer noch als HVO. Im Gegenteil, Letztere zahlen sogar das Benzin, das sie im Einsatz verfahren selbst. Auch insofern ist der finanziell gesicherte Beamtenstatus für Heike und Alexander Marquardt ein Glück, wie auch für Heikes Mutter. Die 89-Jährige lebt neuerdings mit den Beidem im Haus, weil es für sie alleine nicht mehr ging. „Manchmal wünsche ich mir schon den 48-Stunden-Tag“, seufzt Heike Marquardt. „Aber ich helfe Dir doch“, antwortet da ihr Sohn und lächelt sie an. Was helfen bedeutet, das hat Alexander Marquardt nicht nur verinnerlicht, er lebt es. Gerne und aus ganzem Herzen.

Traudl Baumeister

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