Geben wir das Monopol auf Gott auf, vor allem das Monopol auf seinen Willen

kirche2Predigt, gehalten am 1. Adventssonntag

von Pfarrer Klaus-Dieter Gerth, alt-kaholische Gemeinde Würzburg

Liebe Schwestern und Brüder,

vermutlich hat es in den letzten Jahrzehnten keine Generation so zu spüren bekommen wie die unsrige: So wie bisher kann und wird es nicht weitergehen! Es wird sich etwas ändern müssen.
Der immerwährende Wachstumswahn auf Kosten unserer Umwelt und auf Kosten der Schwächsten in der menschlichen Gesellschaft, die fortschreitende Klimakatastrophe, religiöser Fanatismus, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, fehlende Zukunftsvisionen, Flüchtlingsströme, Kriege und Terroranschläge, all das macht uns Angst und lässt uns bange werden vor der Zukunft.
Hinzu kommen vielleicht eigene Erfahrungen von Dunkelheiten , die uns erschrecken: die Dunkelheit einer bedrohlichen Erkrankung, die Erfahrung einer zerbrochenen Beziehung, die Erfahrung, verlassen oder nicht mehr gebraucht zu werden, die Dunkelheit eines unvorhersehbaren Schicksalsschlages oder allgemein die Angst, dass sich unsere Lebensgrundlage auflöst, dass der Boden, auf dem wir stehen, unsicher wird, die Festigkeit nachlässt, dass wir ratlos dastehen ob der vielen Herausforderungen, die an uns als einzelne oder als Gesellschaft heran getragen werden.

»Wir sind aus unserem Untergrunddasein in den Katakomben direkt in fürstliche Basiliken umgezogen!”

Richard Rohr, Franziskaner

In solchen Erfahrungen könnten uns die Angst und die Bestürzung der Menschen, wie sie im heutigen Evangelium beschrieben werden, überkommen: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen sollen.“ und, mehr global gesehen: „die Völker werden bestürzt und ratlos sein.“
Das Evangelium dieses 1. Adventssonntags stellt die Feier des historischen Ereignisses der Geburt Jesu in den Kontext seines Kommens am Ende aller Tage. Das Kommen des Menschensohnes markiert dieses Ende, das ohne Ausnahme alles Bestehende erfassen wird, damit etwas unvergleichlich Neues entstehen kann.
So ist auch der Advent als solcher ein Aufruf zur Wachsamkeit, zur Veränderung, zur Wandlung, oder, wie es in der modernen Sprache heißt, zum Paradigmenwechsel. Allerdings kümmert sich diese Botschaft nicht um Renten, Versicherungen oder sonstige irdische Zukunftsfragen. Eher ist das Gegenteil der Fall: Jesus stellt das in Frage, was uns als Sicherheit dienen könnte: Familie, Ansehen, Besitz.
Doch diese neue soziale Ethik ist schon in der frühen Kirche gescheitert: Richard Rohr, ein Franziskaner aus Amerika, sagt: »Wir sind aus unserem Untergrunddasein in den Katakomben direkt in fürstliche Basiliken umgezogen!« Geblieben ist das bis heute; daran haben auch die Armutsbewegungen durch die Jahrhunderte nichts ändern können.

Eine neue Zeit kommt

Oder anders gesagt: Wir rechnen zwar seit dem 6. Jahrhundert nach einer neuen Zeit, der Zeit nach Christi Geburt, aber wir haben es — jedenfalls in der Gesamtheit — nicht geschafft, das Kommen Jesu als den Anbruch einer anderen, einer neuen Zeit zu begreifen und zu leben. Christsein heißt deshalb leider meist noch immer: weitermachen wie bisher.
Nein, wenn ich die Texte des Advents richtig deute, dann hat Jesus nicht »ein bisschen« Reformen für die alte Welt gefordert. Er verkündete das Ende der alten Welt. Der Welt, in der wir uns so selbstsicher eingerichtet haben. Eine Welt, die hier bei uns schon aus den Fugen gerät, wenn die Beiträge zur Rente steigen, die Steuern, die Lebenshaltungskosten oder wenn wieder einmal viel Geld benötigt wird für die Rettung von Banken und Ländern, ganz zu schweigen von den vielen Flüchtlingen, die bei uns Ruhe und Sicherheit suchen.
Jesus sagt, dass dafür Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und dass die Kräfte des Himmels erschüttert werden. Ich glaube, wir müssen diese Zeichen vor allem spirituell verstehen: Die Welt, wie wir sie kennen, wird aufhören, muss aufhören. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die Vorhersage des Weltenendes, es geht um das Ende unserer selbst gebastelten Welten, die eher auf militärischem Gleichgewicht, denn auf Frieden durch Gerechtigkeit, eher auf Gewalt, denn auf Erlösung gebaut sind. Die auf die Macht des Geldes setzt statt auf Solidarität. Es geht um das Neue, das mit großer Macht und Herrlichkeit anbrechen soll.

Alles ist vergänglich

Mit den Mitteln, die wir einsetzen, werden wir beispielsweise den Terrorismus nicht überwältigen. Denn es sind die alten Mittel; sie laufen immer auf Gewalt und Gegengewalt hinaus; höchst selten auf wirkliche Änderung, Veränderung. So allmählich begreifen wir, dass wir auf nichts, was uns unsere Politiker vorstellen, vertrauen können. Mögen wir noch so gesund leben, wir werden doch sterben. Alle Änderung, jeder Wandel beginnt, wenn wir unsere Illusionen und Vorstellungen loslassen: Alles ist vergänglich.

Wir sollten trotz adventlicher Stimmung und vorweihnachtlicher Erwartung auch nicht vergessen, dass es die Religion war, die Jesus das Leben kostete. Nicht etwa die Politik. Jede Religion ist tödlich, die Gott für sich in Beschlag nimmt. Das führt bis zu den wahnwitzigen Selbstmordattentaten »im Namen Gottes«, die unsere Welt erleben muss.

Das Monopol auf Gott

Dieser Terror hat nicht nur Methode, er ist die blutige, weil fanatische, aber logische Konsequenz von religiöser Rechthaberei. Selbst das Christentum hat diese gefährliche Ausschließlichkeit noch nicht überwunden. Wie können wir dann mit dem Finger auf den Islam zeigen, der gut 600 Jahre jünger ist, und offenbar erst noch alle menschenverachtenden Dummheiten durchleiden muss, die wir in unserer Geschichte auch gemacht haben?
Denken wir endlich darüber hinaus. Was muss sich, was lässt sich ändern, wenn nichts mehr so sein kann wie bisher? Geben wir als Erstes das Monopol auf Gott auf, vor allem das Monopol auf seinen Willen. Verzichten wir darauf, zu wissen, was Gott von anderen Menschen will. Freuen wir uns darüber, wenn wir erkennen können, was Er von uns will.

Gott muss für alle Menschen so »verfügbar« sein wie Wasser; so selbstverständlich wie das Brot, so erfreulich wie der Wein. Nicht von ungefähr hat Jesus diese Zeichen zu den Symbolen der Erlösung gemacht. Wir sind erlöst, auch aus der Abhängigkeit von jenen, die uns Gott nach ihren Tarifbestimmungen verkaufen möchten. Insofern hat sich der Advent bereits erfüllt. Und wo der Advent dieses Jahres noch seine blinden Flecken hat, liegt es auch an uns, sie zu beseitigen.

“Wenn Gottes Sohn heute zur Welt käme, wäre das vielleicht in einem Flüchtlingslager im Norden des Irak.”

Ulrich Fischer, Landesbischof

Wenn am Anfang einer so besinnlichen und auch romantisch anmutenden Zeit ein solcher Evangeliumstext steht, dann wird damit geerdet, was kommen soll: Der Advent und auch Weihnachten, der Weg des Ankommens Gottes unter den Menschen, ist kein Weg der religiösen Träumerei, sondern ein Weg der harten menschlichen Realitäten. Wie könnte es auch anders sein, wenn wir am Ende dieser Adventszeit, an Weihnachten feiern, dass Gott auf der Reise, unterwegs, in einem Stall in absolut ungesicherten Verhältnissen unsere menschliche Gestalt annimmt und als wehrloses und schutzbedürftiges Kind geboren wird.
Und was hat der ehemalige badische Landesbischof Ulrich Fischer über bedrängte Christen im Nahen Osten gesagt: „Wenn Gottes Sohn heute zur Welt käme, wäre das vielleicht in einem Flüchtlingslager im Norden des Irak.“ (Zitat des Tages, Main Post vom 26.11.2015).

Prioritäten setzen

So werden wir ermutigt, unsere Probleme wahrzunehmen und nicht davor die Augen zu verschließen und uns zurückzuziehen in eine Privatheit, weil wir diesen Berg ja doch nicht bewältigen können.
Unser heutiges Evangelium bleibt nicht bei den Schreckensszenarien stehen, sondern ruft uns auf, voranzuschreiten: „Wenn all dies geschieht, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter!“
Wir sollen aufblicken, genau hinschauen, erkennen, wahrnehmen. Kein Zufall, dass die erste Lesung aus dem Buch Jeremia mit „Seht“ begonnen hat.
Die Herausforderungen bleiben, sie werden aber weniger bedrohlich, wenn ich sie anschaue, Prioritäten setze, Probleme vielleicht nach und nach angehe und abarbeite.
Alle Menschen, die sich in den vergangenen Monaten um Flüchtlinge gekümmert haben, können Ähnliches berichten. Dann, wenn einzelne Gesichter dieser großen Menge an Menschen einem bekannt werden, wenn ich zumindest von einigen wenigen mehr weiß als nur, aus welchem Land sie geflohen sind, dann bleibt diese ungeheure Aufgabe, diesen Menschen einen Zugang zu unserer Gesellschaft zu ermöglichen, durchaus bestehen. Aber die diffuse Angst vor all dem Unbekannten und Neuen kann sich im besten Fall sogar in eine Dankbarkeit gegenüber den eigenen Lebenschancen wandeln.

Darum lassen wir uns ermutigen auch durch das, was der Apostel Paulus in der 2. Lesung an die Thessalonicher geschrieben hat:
„Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, damit euer Herz gefestigt wird … wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt.“

Amen.

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