Völkerwanderung oder was Horst Seehofer wirklich damit sagen wollte

Traudl BaumeisterHorst Seehofer spricht im ZDF-Sommerinterview in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik von „Völkerwanderung“.

Möglicherweise hat der Ministerpräsident da etwas verwechselt.

Möglicherweise bezog sich seine Aussage darauf:

Nach Schätzung der Festleitung kamen 6,3 Millionen Gäste auf die Theresienwiese (2013: 6,4 Millionen), davon wurden auf der Oidn Wiesn 610.000 zahlende Besucher gezählt (2013: 540.000 Gäste).
Neben Besuchern aus den Nachbarländern Österreich und Schweiz kamen besonders am letzten Wiesn-Wochenende viele Italiener auf die Wiesn. Über die Bankautomaten und Geldwechselstellen auf dem Festgelände können Rückschlüsse auf die Herkunft der Gäste aus Nicht-Euroländern gezogen werden. Sie kamen unter anderem aus Ägypten, Argentinien, Australien, Chile, Estland, Georgien, Hongkong, Indien, Island, Jordanien, Kasachstan, Libanon, Oman, Mosambik, Russland, Sambia, Singapur, Südafrika, Südkorea, Turk- und Caicoinseln, Uruguay und Zypern (Quelle: offizielle Webseite des Münchner Oktoberfestes).

Möglicherweise meinte Seehofer aber auch das:

2014 kamen in der Tat 32.461.570 Menschen in bayerische Städte und Gemeinden, davon waren 7.917.982 aus dem Ausland. Diese Menschen allerdings waren nur auf der Flucht vor dem grauen Alltag und nutzten die Tourismus-Angebote Bayerns. (Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik)

Oder er meinte die allwöchentliche Völkerwanderung zu den Spielen der Fußballbundesliga: In der Saison 2014/15 machten sich im Schnitt 13,32 Mio Fans auf den Weg, nicht selten quer durch die Bundesrepublik.

Letzteres jedenfalls entspräche der eigentlich Definition von Völkerwanderung am ehesten. Der Brockhaus schreibt: „Völkerwanderung ist die Bezeichnung für die Züge meist germanischer Stämme aus ihren Ursprungsgebieten nach Süd- und Westeuropa.“ Und weiter: „Außerdem zog die römische Welt mit ihrer höheren Kultur und ihren besseren Lebensbedingungen die Germanen stets aufs neue an.“

Insofern wären doch eher 5,48 Millionen Deutsche über 14 Jahren, die 2014 in Italien Urlaub machten eine Völkerwanderung oder auch die 9,6 Mio Mallorca-Urlauber, die jedes Jahr die 862.390 Einheimischen besuchen.

Wahrscheinlich steckt aber etwas ganz anderes hinter Seehofers Worten:

Wahrscheinlich hofft der CSU-Chef auf noch viel höhere Flüchtlingszahlen. Wie er ja nicht müde wird zu betonen, ist er stolz auf seinen erfolgreichen Freistaat („Bayern ist die Vorstufe zum Paradies“) und die Leistungen der rund 12,65 Millionen bayerischen Bürger (Quelle: Statistisches Landesamt).

Aber wer sind diese Bürger? Jedenfalls nur zu vier Fünfteln Menschen„ die schon immer hier lebten, Menschen also ohne Migrationshintergrund. Das Statistische Landesamt jedenfalls schreibt: „Laut Mikrozensusergebnissen hatten im Jahr 2011 2,47 Millionen Personen in Bayern einen Migrationshintergrund….Somit hatte zusammengenommen jeder fünfte Einwohner des Freistaats eigene Migrationserfahrung oder stammte von Zuwanderern ab.“

Wobei das natürlich so auch nicht stimmt. Denn einige aus den übrigen vier Fünfteln sind ja quasi auch Migranten, kamen sie doch aus Preußen, Ostfriesland, Baden-Württemberg oder sogar Sachsen oder Thüringen nach Bayern.

Seehofer hat das alles wohl auch gelesen, dann kalkuliert, überschlagen und festgestellt, dass läppische eine Millionen Flüchtlinge da nicht viel nutzen, machen sie doch gerade mal ein knappes Zwölftel der bayerischen Bevölkerung aus. Also fordert er flugs eine Völkerwanderung. Getreu dem Motto der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Doch der Ministerpräsident muss jetzt sehr stark sein, Denn: Tatsächlich kommen bei weitem noch nicht mal eine Millionen Menschen auf der Flucht (in einen endlich mal wieder ganz normalen grauen Alltag) nach Bayern und lässt sich dort nieder, um weiter mit zu helfen, den bayerischen Wohlstand aufzubauen.

Tatsächlich wurden im ganzen Jahr 2014 in allen Mitgliedsstaaten der EU 434.160 Anträge auf Asyl gestellt. Für 2015 rechnet man mit etwa doppelt so vielen. 2014 waren es in Deutschland 126.705 Asylanträge. Von denen allerdings, durfte nur ein knappes Drittel bleiben (26 Prozent – Quelle: Netzwerk Migration in Europa e.V.). Selbst wenn die alle nach Bayern kämen, wären es also nur 42.000 der in Bayern so wertvollen Menschen mit Migrationshintergrund, mit denen man rechnen kann. Gerade mal 4,2 Prozent also von der erträumten eine Millionen.

Kein Wunder also, dass Seehofer Angst um den Erhalt des Wohlstandes seiner Bayern hat!

Traudl Baumeister

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